Samstag, 18. Oktober 2008

Bolzplatz der Philosophie

Der Zeitgeist treibt zuweilen manch seltsame Blüte. Dies ist gewiss keine neue Erkenntnis, neu indes ist, dass nun auch die ehrwürdige Philosophie zum Spielball des gegenwärtigen Bildungsniedergangs zu werden scheint.

So berichtet SPIEGEL-Online in einem Artikel vom 17. Oktober über "Gedanken-Wrestling für Spontane": dem Versuch einer Übertragung des Poetry Slam-Formats auf das Gebiet der Philosophie. Auch in der Online-Ausgabe der Information Philosophie war bereits am 4. September ein ausführlicher Artikel zum Thema erschienen, der auch genaue Terminangaben und Ansprechpartner nannte. (Der Artikel aus der Rubrik "Neuigkeiten" ist in der Online-Ausgabe inzwischen nicht mehr zugreifbar.)

Dem literarischen Vorbild, einer "kneipentauglichen Variante der Literaturlesung", besser übersetzt mit "Literaturbolzen", frei folgend ist ein erst am Abend selbst bekannt gegebenes Thema in einer 45minütigen Vorbereitungszeit zu behandeln und dann später in einem 5-7minütigen Vortrag zu präsentieren. Mit Kreativität und Spontaneität sollen so Ergebnisse spontanen Nachdenkens erzielt werden, gemäß dem Motto: "raus aus dem Elfenbeinturm".

Nun geht die Intention, Philosophie heraus aus dem universitären Elfenbeinturm zu bewegen, sicher nicht fehl. Gerade die fehlende Verankerung der Philosophie in der Gesellschaft trägt einen nicht geringen Teil zu dem inhaltlich schwachen Stand Disziplin dar. Doch ist die Agora tatsächlich der rechte Ort für die Philosophie? Hat Friedrich Nietzsche nicht eher vor den "Fliegen des Marktes" gewarnt?

Sicher ist nichts gegen das öffentliche Vortragen von philosophischen Texten, durchaus populär-philosophischer Natur, einzuwenden. Doch welche Ergebnisse können unter den genannten Bedingungen erreicht werden? Keinesfalls doch sorgfältig erwogene Gedanken, sondern bestenfalls oberflächlich schnell aufpolierte, vielleicht sogar glänzende, blendende Redebeiträge.

Sowohl die Umstände der Textgenese, als auch Vortragsdauer und Rezeption erscheinen alles andere als geeignet, wirkliche Philosophie zur Geltung zu bringen; bestenfalls können die Beiträge als Splitter eines philosophischen Diskurses gewertet werden. Philophische Gespräche, als wesentliche Diskursbeiträge, wie sie z.B. in den Dialogen Platons vorgeführt werden, bieten die Möglichkeit, eigene und fremde Vorstellungen im wechselseitigen Gespräch kritisch abzuwägen. Ein Kurzmonolog von maximal 7 Minuten Dauer kann so im besten Fall als ein Redebeitrag gewertet werden - doch eine Wechselrede findet ja überhaupt nicht statt.

Es bleibt lediglich die Hoffnung, dass "Philosophy Slams" das allgemeine Interesse an Philosophie, das ja tatsächlich vorhanden ist, weiter schüren. Doch erscheint das Format kaum geeignet, Persönlichkeits- und Geistsbildung zu fördern, sondern vielmehr eine sprachlich-argumentative Gewandheit, die (platonisch gesprochen) eher den Sophisten zukommt; heute würde man von Rechtsanwälten sprechen. Sollte dies der Weg in die Zukunft der Philosophie sein? Es bleibt zu hoffen, dass es da und dort noch Abzweigungen gibt, die nach oben führen: weg von dem Ansinnen der Menge nach Unterhaltung, hin zu einem intensiveren geistig-philosophischen Leben.

"Philosophy Slams", dieses Urteil sei gestattet, haben mit Philosophie soviel zu tun wie "Indiana Jones" mit Archäologie.

Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
(Friedrich Nietzsche,
Also sprach Zarathustra)

Kommentare:

Raven hat gesagt…

Auf einem „Philosophy Slam“ war ich noch nie. Aber oft war ich auf „Poetry Slams“, und ich glaube, dass zumindest einige Ähnlichkeiten bestehen. Wie die Philosophie richtet sich auch die Literatur zumeist an ein lesendes Publikum und stellt zum Teil hohe Anforderungen an dieses (insbesondere an dessen Bereitschaft, dessen intellektuelle Fähigkeit, und dessen Zeit, sich auf einen Text einzulassen); Leser, die diese Anforderungen nicht erfüllen wollen oder können werden bewusst ausgeschlossen - manchmal bedauernd, manchmal triumphierend. Oft schreibt man ganz bewusst nicht für „die Masse“, sondern sieht Bücher als „dickere Briefe für Freunde“, und misst seinen Erfolg an der Exklusivität seines Lesekreises. Dadurch gibt es zwangsläufig und natürlicherweise eine eher große Leserschaft (eben „die Masse“), die sich andere, für sie angemessene, an sie adressierte Literatur und Formate sucht. Und folglich gibt es auch Autoren, die diesen Markt bedienen; beispielsweise mit seichten populärwissenschaftlichen Philosophiebüchern, oder mit stereotypen Krimibeststellern. Das sorgt manchmal für neidische Blicke, weil sie (eben weil sie die Masse adressieren) eine größere Leserschaft und vielleicht sogar eine größere Wirkung auf eben diese haben als ein anspruchsvoller Literat oder Philosoph; und es ist ärgerlich, denn auch diese Autoren nennen sich Philosophen oder Literaten, und man kann kaum etwas dagegen tun. Vor allem aber ist das nichts neues, so war es eigentlich schon immer (nur dass damals die Masse gar nicht erst lesen konnte). Ernsthafte Philosophie lebt, ebenso wie anspruchsvolle Literatur, davon, dass sie letztlich doch so attraktiv ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die sich auf ihre hohen Anforderungen einlassen. Ist die Philosophie auch heute noch attraktiver als sie abschreckend ist – auch angesichts einer immer breiter werdenden Palette von Beschäftigungsangeboten? Ist Philosophie eine stolz aussterbende Art? Ich finde, es ist ein hoffnungsvoller Ausdruck der Lebendigkeit der Philosophie, dass sich neue Formate wie „Philosophy Slams“ entwickeln und sich ihr Publikum suchen. Die größte Gefahr des „Philosophy Slam“ sehe ich darin, dass Menschen in der (vielleicht) fälschlichen Auffassung bestärkt werden, das, was sie da betreiben, sei Philosophie, und sich damit zufrieden geben. Aber vor allem habe ich Hoffnung: zum einen hoffe ich, dass auf diesen Veranstaltungen viele Menschen endlich wieder mit philosophischen Fragestellungen konfrontiert werden und Lust auf Fragen und Antworten bekommen; zum anderen hoffe ich, dass die Menschen bald spüren, dass Philosophie wesentlich mehr zu bieten hat als das Format eines „Poetry Slams“ leisten kann, und dass sie von dort aus Lust bekommen, sich passiv oder aktiv mit dem „echten Stoff“ zu beschäftigen. Und ich hoffe, dass diese Suchenden von der Gemeinschaft der „echten“ Philosophen aufgenommen werden, und vielleicht den einen oder anderen Hauch frischer Luft hineinbringen. Bei den „Poetry Slams“ ist genau dies geschehen. Die Slams erwiesen sich im wahrsten Sinne als „Bolzplatz“ der Literatur, auf dem sich etliche junge Talente und viele Fans entwickeln konnten, von denen viele für immer auf diesem Level zufrieden geblieben sind, etliche aber stießen früher oder später an die Grenzen des Poetry Slams und haben sich dann drüber hinaus entwickelt und wurden zu innovativen Literaten oder Lesern. Ein Beispiel dafür ist Michael Lentz; 1998 hat er den die deutschen Poetry Slam Meisterschaften gewonnen, hat sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt, später den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen und heute ist er Professor für Poetik in Wiesbaden.

Willyam hat gesagt…

Jetzt mal mit halbwegs ernster Miene: Du denkst, Philosophie und Publikum vertragen sich nicht? Schließen sich sogar gegenseitig aus? Wofür setzt Du Dich denn dann mit ihr auseinander? Für wen?

Ganz abgesehen davon: Worum geht es der Philosophie wenn nicht darum, die Welt - und damit: ihre Verblendungen - verständlich zu machen? Wenn Deine Sinne nicht so scharf geschliffen sind, dass sie Dir mit fünf Minuten Zeit nicht die Chance einräumen, ein Fragment dessen, was Dich umgibt, zu hinterfragen ... -> ? Was gibt's gelegentlich Feineres als mit blendender Rede die Verblendungen der Welt zu entlarven?

Überleg' Dir das vielleicht nochmal bei Zeiten ... :-)

_ w

Sophrosynos hat gesagt…

Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass Philosophie sich nicht in erster Linie an ein Publikum richten soll, sondern an den Denker selbst: Philosophie als Meditation. Philosophie nützt niemandem im gängigen Sinn des Wortes. Für mich ist sie ein Weg der Selbstvergewisserung, ein Weg zu mir selbst und zur Welt. Wer mit mir ein Stück des Weges gehen möchte, ist dazu eingeladen. Doch ist es mein Weg und niemandem will noch kann ich ihn aufzwingen.

Gegen einen Vortrag, eine Diskussion im Kreis eines geistig vorgebildeten Publikums, das die erforderliche Muße bereit ist aufzubringen, ist selbstverständlich nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil. Eine solche Zusammenkunft erscheint mir sogar notwendig für eine geistige Entwicklung. Aber die Rahmenbedingungen sollten gut gewählt werden, und dazu gehört die Ruhe, vielleicht die Zurückgezogenheit.

Blendende Reden sind hier sicher fehl am Platz, den sie betören durch ihren Schliff, verleiten zur übereilten Akzeptanz (sofern die Rede gelingt) oder Ablehnung (sofern sie missrät). Doch weder ist im einen Fall die Richtigkeit noch im anderen die Falschheit der Aussage dadurch bewiesen. Ein guter Schreibstil ist jedem Philosophierenden anzuraten. Doch letztlich, man blicke auf Kant, zählt das Argument, nicht der Schliff.

Philosophieren bedeutet ein sorgfältiges Erwägen aller relevanten Positionen, eine Meditation eben. Die Darlegung eines Arguments mag in fünf Minuten gelingen, aber ein Gedankengang, der seinen Namen verdient und nicht ein bloßer Gedankenhopser ist, bedarf weitaus mehr Zeit. Wer nicht bereit ist, diese zu gewähren, wird vielleicht viele Sprünge machen, ohne sich doch vom Fleck zu bewegen.