Dem ganzen höheren Erziehungswesen in Deutschland ist die Hauptsache abhanden gekommen: Zweck sowohl als Mittel zum Zweck. Dass Erziehung, Bildung selbst Zweck ist – und nicht [»die Wirtschaft«] –, dass es zu diesem Zweck der Erzieher bedarf – und nicht der Gymnasiallehrer und Universitäts-Gelehrten – man vergaß das... Erzieher tun not, die selbst erzogen sind, überlegne, vornehme Geister, in jedem Augenblick bewiesen, durch Wort und Schweigen bewiesen, reife, süß gewordene Kulturen – nicht die gelehrten Rüpel, welche Gymnasium und Universität der Jugend heute als »höhere Ammen« entgegenbringt. Die Erzieher fehlen, die Ausnahmen der Ausnahmen abgerechnet, die erste Vorbedingung der Erziehung: daher der Niedergang der deutschen Kultur. [...] – Was die »höheren Schulen« Deutschlands tatsächlich erreichen, das ist eine brutale Abrichtung, um, mit möglichst geringem Zeitverlust, eine Unzahl junger Männer für [die Wirtschaft] nutzbar, ausnutzbar zu machen. »Höhere Erziehung« und Unzahl – das widerspricht sich von vornherein. Jede höhere Erziehung gehört nur der Ausnahme: man muss privilegiert sein, um ein Recht auf ein so hohes Privilegium zu haben. Alle großen, alle schönen Dinge können nie Gemeingut sein: pulchrum est paucorum hominum. – Was bedingt den Niedergang der deutschen Kultur? Dass »höhere Erziehung« kein Vorrecht mehr ist – der Demokratismus der »allgemeinen«, der gemein gewordnen »Bildung«... Nicht zu vergessen, dass militärische Privilegien den Zu-viel-Besuch der höheren Schulen, das heißt ihren Untergang, förmlich erzwingen. – Es steht niemandem mehr frei, im jetzigen Deutschland seinen Kindern eine vornehme Erziehung zu geben: unsre »höheren« Schulen sind allesamt auf die zweideutigste Mittelmäßigkeit eingerichtet, mit Lehrern, mit Lehrplänen, mit Lehrzielen. Und überall herrscht eine unanständige Hast, wie als ob etwas versäumt wäre, wenn der junge Mann mit 23 Jahren noch nicht »fertig« ist, noch nicht Antwort weiß auf die »Hauptfrage«: welchen Beruf? – Eine höhere Art Mensch, mit Verlaub gesagt, liebt nicht »Berufe«, genau deshalb, weil sie sich berufen weiß... Sie hat Zeit, sie nimmt sich Zeit, sie denkt gar nicht daran, »fertig« zu werden – mit dreißig Jahren ist man, im Sinne hoher Kultur, ein Anfänger, ein Kind. – Unsre überfüllten Gymnasien, unsre überhäuften, stupid gemachten Gymnasiallehrer sind ein Skandal: um diese Zustände in Schutz zu nehmen, [...] dazu hat man vielleicht Ursachen – Gründe dafür gibt es nicht.nach: Friedrich Nietzsche
(mit leichten Abwandlungen)
Götzendämmerung
vgl. KSA 6, S. 107f
Samstag, 25. April 2009
Samstag, 21. März 2009
Ökologie der Vernunft
Das folgende Zitat Willy Hochkeppels fiel mir längstens schon in die Hand:
Was will uns die Ökologie der Vernunft lehren? Nicht überwiegend zurück sollen wir unsere Blicke richten, sondern nach vorn. Sapere aude!
In der Philosophie, um endlich darauf zu kommen, werden Gesamtausgaben auch mittelmäßiger Denker, die uns kaum mehr etwas zu sagen haben, von emsigen und sonst beschäftigungslosen Hochschulangestellten aus ihrem wohlverdienten Schlummer gerissen. [...] Auch Denkern ist unzuträglich, wenn nichts mehr gnädiger Vergessenheit anheimfällt und in der Versenkung der Zeit verschwindet, auch im Reich der Ideen gibt es eine Ökologie, die die Vernunft bei Gesundheit hält. Wenn jetzt auch dem Mist das Recht auf's Vermodern genommen und er als unverderbliche Ware ausgewiesen wird, weil die Märkte allem offenstehen, dann droht die Gefahr der Vergiftung, zumal Historismus und Relativismus unsere Wertmaßstäbe pluralistisch biegsam gemacht und ästetisch dem Eklektizismus ausgeliefert haben.
Ich sehe mich außerstande, Hochkeppel in diesem Punkt zu widersprechen.(Willy Hochkeppel, Endspiele.
Zur Philosophie des 20. Jahrhunderts
dtv 1993, S. 10f.)
Was will uns die Ökologie der Vernunft lehren? Nicht überwiegend zurück sollen wir unsere Blicke richten, sondern nach vorn. Sapere aude!
Freitag, 26. Dezember 2008
Business Ethics
In seinem Beitrag "Die Höhle verlassen!" schlägt Markus Holzbrink das Gebiet business ethics als ein in der Alltagswelt verankertes Gebiet vor, das seitens philosophischer Ethiker behandelt werden könnte.
Sofern unter dieser Behandlung eine philosophisch-distanzierte Analyse des Gebiets verstanden wird, kann dem Vorschlag Holzbrinks zugestimmt werden: Genau in solchen Analysen liegt die Kompetenz der Philosophie.
Sollte Holzbrink jedoch der Ansicht sein, Philosophen sollten im Rahmen tatsächlicher Firmenaktivitäten direkt beratend tätig sein, ist allergrößte Skepsis angebracht:
Ergo: Philosophie und Betriebsökonomie sind komplementäre Kulturen, die nur um den Preis gegenseitiger Zugeständnisse aufeinander bezogen werden können. Zum Nachteil beider.
Quelle: Markus Holzbrink, Die Höhle verlassen! Ein Plädoyer für die Geisteswissenschaften, in: Ludger Heidbrink, Harald Welzer (Hrsg.), Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften. Beck'che Reihe 2007, S. 39.
Sofern unter dieser Behandlung eine philosophisch-distanzierte Analyse des Gebiets verstanden wird, kann dem Vorschlag Holzbrinks zugestimmt werden: Genau in solchen Analysen liegt die Kompetenz der Philosophie.
Sollte Holzbrink jedoch der Ansicht sein, Philosophen sollten im Rahmen tatsächlicher Firmenaktivitäten direkt beratend tätig sein, ist allergrößte Skepsis angebracht:
Viele Manager wissen heute, dass die Lösungen dieser komplexen Fragestellungen [der normativen und moralischen Problemkomplexe, mit denen jedes Unternehmen heute konfrontiert wird, Soph.], die hier erörtert werden müssen, eine bessere Aussicht auf Erfolg haben, wenn in der ethischen Problematik geschulte fachleute bei den Diskussionen und Entscheidungen mitwirken.Firmen und Unternehmen mögen es unter Umständen für geboten erachten, sich einen Hof-Philosophen zu halten, der ihnen bei der Beantwortung und Deutung ethischer Fragestellungen behilflich ist. Dabei versteht es sich von selbst, dass dies nur im Sinne der Profitmaximierung geschehen kann. Insofern die Probleme in der Finanz- und ökonomischen Verwertungkultur selbst verwurzelt sind, und das sind sie i.d.R., kann ein philosophischer Ratschlag nur zu Ungunsten des Unternehmens ausfallen. Was ihn für selbiges wertlos werden lässt.
(Holzbrink, S. 40)
Ergo: Philosophie und Betriebsökonomie sind komplementäre Kulturen, die nur um den Preis gegenseitiger Zugeständnisse aufeinander bezogen werden können. Zum Nachteil beider.
Quelle: Markus Holzbrink, Die Höhle verlassen! Ein Plädoyer für die Geisteswissenschaften, in: Ludger Heidbrink, Harald Welzer (Hrsg.), Das Ende der Bescheidenheit. Zur Verbesserung der Geistes- und Kulturwissenschaften. Beck'che Reihe 2007, S. 39.
Samstag, 25. Oktober 2008
Preisfrage 2008 der Jungen Akademie
Die Junge Akademie hat, wie bereits in den letzten Jahren, eine Preisfrage veröffentlicht:
Welchen Raum braucht das Denken?
Welchen Raum braucht das Denken?
Symposium in Berlin: WAS IST HEUTE HUMANISMUS?
Aus der letzten Rundmail der Giordano-Bruno-Stiftung:In Zusammenarbeit mit der "Humanistischen Akademie Deutschland" (HAD) veranstaltet die "Akademie der politischen Bildung der Friedrich-Ebert Stiftung" (fes) vom 15. - 16. November eine Fachtagung unter dem Titel "Was ist heute Humanismus?". Am ersten Veranstaltungstag werden zahlreiche renommierte Experten und Wissenschaftler, u.a. Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin (Staatsminister a.D), Prof. Dr. Frieder Otto Wolf (Präsident der HAD), Dr. Michael Schmidt-Salomon (Vorstandssprecher der gbs) und Dr. Horst Groschopp (Präsident des Humanistischen Verband Deutschlands) Vorträge zum Thema halten. Am zweiten Veranstaltungstag wird eine Podiumsdiskussion zum Thema "Neuer Atheismus und politischer Humanismus - Bedeutung für Konfessionsfreie" mit Statements von Repräsentanten der freigeistigen Organisationen "Jugendweihe Deutschland", "Humanistischer Verband Deutschland", "Die Humanisten Würtemberg", "Internationaler Bund der Konfessionslosen und Atheisten", "Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften" und "gbs" stattfinden.
Tagungsleitung: Dr. Johannes Kandel / Dr. Horst Groschopp
Veranstaltungszeiten:
Samstag,15. Nov.: 10.00 Uhr – 20.00 Uhr
Sonntag, 16. Nov.: 10.00 Uhr – 13.00 Uhr
Veranstaltungsort:
Akademie der politischen Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung, Hiroshimastr. 17, 10785 Berlin
Tagungsprogramm als PDF
Samstag, 18. Oktober 2008
Bolzplatz der Philosophie
Der Zeitgeist treibt zuweilen manch seltsame Blüte. Dies ist gewiss keine neue Erkenntnis, neu indes ist, dass nun auch die ehrwürdige Philosophie zum Spielball des gegenwärtigen Bildungsniedergangs zu werden scheint.
So berichtet SPIEGEL-Online in einem Artikel vom 17. Oktober über "Gedanken-Wrestling für Spontane": dem Versuch einer Übertragung des Poetry Slam-Formats auf das Gebiet der Philosophie. Auch in der Online-Ausgabe der Information Philosophie war bereits am 4. September ein ausführlicher Artikel zum Thema erschienen, der auch genaue Terminangaben und Ansprechpartner nannte. (Der Artikel aus der Rubrik "Neuigkeiten" ist in der Online-Ausgabe inzwischen nicht mehr zugreifbar.)
Dem literarischen Vorbild, einer "kneipentauglichen Variante der Literaturlesung", besser übersetzt mit "Literaturbolzen", frei folgend ist ein erst am Abend selbst bekannt gegebenes Thema in einer 45minütigen Vorbereitungszeit zu behandeln und dann später in einem 5-7minütigen Vortrag zu präsentieren. Mit Kreativität und Spontaneität sollen so Ergebnisse spontanen Nachdenkens erzielt werden, gemäß dem Motto: "raus aus dem Elfenbeinturm".
Nun geht die Intention, Philosophie heraus aus dem universitären Elfenbeinturm zu bewegen, sicher nicht fehl. Gerade die fehlende Verankerung der Philosophie in der Gesellschaft trägt einen nicht geringen Teil zu dem inhaltlich schwachen Stand Disziplin dar. Doch ist die Agora tatsächlich der rechte Ort für die Philosophie? Hat Friedrich Nietzsche nicht eher vor den "Fliegen des Marktes" gewarnt?
Sicher ist nichts gegen das öffentliche Vortragen von philosophischen Texten, durchaus populär-philosophischer Natur, einzuwenden. Doch welche Ergebnisse können unter den genannten Bedingungen erreicht werden? Keinesfalls doch sorgfältig erwogene Gedanken, sondern bestenfalls oberflächlich schnell aufpolierte, vielleicht sogar glänzende, blendende Redebeiträge.
Sowohl die Umstände der Textgenese, als auch Vortragsdauer und Rezeption erscheinen alles andere als geeignet, wirkliche Philosophie zur Geltung zu bringen; bestenfalls können die Beiträge als Splitter eines philosophischen Diskurses gewertet werden. Philophische Gespräche, als wesentliche Diskursbeiträge, wie sie z.B. in den Dialogen Platons vorgeführt werden, bieten die Möglichkeit, eigene und fremde Vorstellungen im wechselseitigen Gespräch kritisch abzuwägen. Ein Kurzmonolog von maximal 7 Minuten Dauer kann so im besten Fall als ein Redebeitrag gewertet werden - doch eine Wechselrede findet ja überhaupt nicht statt.
Es bleibt lediglich die Hoffnung, dass "Philosophy Slams" das allgemeine Interesse an Philosophie, das ja tatsächlich vorhanden ist, weiter schüren. Doch erscheint das Format kaum geeignet, Persönlichkeits- und Geistsbildung zu fördern, sondern vielmehr eine sprachlich-argumentative Gewandheit, die (platonisch gesprochen) eher den Sophisten zukommt; heute würde man von Rechtsanwälten sprechen. Sollte dies der Weg in die Zukunft der Philosophie sein? Es bleibt zu hoffen, dass es da und dort noch Abzweigungen gibt, die nach oben führen: weg von dem Ansinnen der Menge nach Unterhaltung, hin zu einem intensiveren geistig-philosophischen Leben.
"Philosophy Slams", dieses Urteil sei gestattet, haben mit Philosophie soviel zu tun wie "Indiana Jones" mit Archäologie.
So berichtet SPIEGEL-Online in einem Artikel vom 17. Oktober über "Gedanken-Wrestling für Spontane": dem Versuch einer Übertragung des Poetry Slam-Formats auf das Gebiet der Philosophie. Auch in der Online-Ausgabe der Information Philosophie war bereits am 4. September ein ausführlicher Artikel zum Thema erschienen, der auch genaue Terminangaben und Ansprechpartner nannte. (Der Artikel aus der Rubrik "Neuigkeiten" ist in der Online-Ausgabe inzwischen nicht mehr zugreifbar.)
Dem literarischen Vorbild, einer "kneipentauglichen Variante der Literaturlesung", besser übersetzt mit "Literaturbolzen", frei folgend ist ein erst am Abend selbst bekannt gegebenes Thema in einer 45minütigen Vorbereitungszeit zu behandeln und dann später in einem 5-7minütigen Vortrag zu präsentieren. Mit Kreativität und Spontaneität sollen so Ergebnisse spontanen Nachdenkens erzielt werden, gemäß dem Motto: "raus aus dem Elfenbeinturm".
Nun geht die Intention, Philosophie heraus aus dem universitären Elfenbeinturm zu bewegen, sicher nicht fehl. Gerade die fehlende Verankerung der Philosophie in der Gesellschaft trägt einen nicht geringen Teil zu dem inhaltlich schwachen Stand Disziplin dar. Doch ist die Agora tatsächlich der rechte Ort für die Philosophie? Hat Friedrich Nietzsche nicht eher vor den "Fliegen des Marktes" gewarnt?
Sicher ist nichts gegen das öffentliche Vortragen von philosophischen Texten, durchaus populär-philosophischer Natur, einzuwenden. Doch welche Ergebnisse können unter den genannten Bedingungen erreicht werden? Keinesfalls doch sorgfältig erwogene Gedanken, sondern bestenfalls oberflächlich schnell aufpolierte, vielleicht sogar glänzende, blendende Redebeiträge.
Sowohl die Umstände der Textgenese, als auch Vortragsdauer und Rezeption erscheinen alles andere als geeignet, wirkliche Philosophie zur Geltung zu bringen; bestenfalls können die Beiträge als Splitter eines philosophischen Diskurses gewertet werden. Philophische Gespräche, als wesentliche Diskursbeiträge, wie sie z.B. in den Dialogen Platons vorgeführt werden, bieten die Möglichkeit, eigene und fremde Vorstellungen im wechselseitigen Gespräch kritisch abzuwägen. Ein Kurzmonolog von maximal 7 Minuten Dauer kann so im besten Fall als ein Redebeitrag gewertet werden - doch eine Wechselrede findet ja überhaupt nicht statt.
Es bleibt lediglich die Hoffnung, dass "Philosophy Slams" das allgemeine Interesse an Philosophie, das ja tatsächlich vorhanden ist, weiter schüren. Doch erscheint das Format kaum geeignet, Persönlichkeits- und Geistsbildung zu fördern, sondern vielmehr eine sprachlich-argumentative Gewandheit, die (platonisch gesprochen) eher den Sophisten zukommt; heute würde man von Rechtsanwälten sprechen. Sollte dies der Weg in die Zukunft der Philosophie sein? Es bleibt zu hoffen, dass es da und dort noch Abzweigungen gibt, die nach oben führen: weg von dem Ansinnen der Menge nach Unterhaltung, hin zu einem intensiveren geistig-philosophischen Leben.
"Philosophy Slams", dieses Urteil sei gestattet, haben mit Philosophie soviel zu tun wie "Indiana Jones" mit Archäologie.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.(Friedrich Nietzsche,
Also sprach Zarathustra)
Montag, 6. Oktober 2008
Entdecker und Verwalter
Bei zahlreichen Philosophen finden wir kritische Aussagen zum Habitus des Gelehrten. Hier ein entsprechendes Zitat aus Francis Bacons Novo Organum:
Dennoch bleibt eine Restunsicherheit: Könnte es nicht sein, dass die Universität als Institution auch heute noch eher den Verwalter-Typus denn den Entdecker-/Revolutionär-Typus schätzt? Sind Professoren doch Lehr-Beamte, also Verwalter der staatlichen anerkannten Meinung und zu deren Erhalt, Pflege und Fortentwicklung eingestellt. Entdecker und Revolutionäre, so wichtig sie für die Entwicklung der Wissenschaften und der Philosophie in der Vergangenheit stets waren, stellen doch in erster Linie eine Bedrohung für das bestehende System, sowohl des abstrakten Wissensgebäudes wie auch der konkreten Person der Kollgen, dar.
Aus diesem Grund sollte sich niemand, der eine neue Sicht der Dinge entwickeln möchte, auf die Universität als sicheres Milieu verlassen. Bleibe unabhängig! In einem normalen Brotberuf wirst du deine Kraft vergeuden, doch dein Geist bleibt ungebeugt. An der Universität droht die Korruption des Geistes aufgrund des (natürlichen und verständlichen) Strebens nach Lob, Anerkennung und Erfolg. Denn der Professor lobt nur den, der nach ihm kommt - in beiderlei Sinn.
In den Gebräuchen und Einrichtungen der Schulen, Akademien, Kollegien und ähnlichen Institutionen, an denen Gelehrte ihre Lehrstühle haben und die Bildung kultiviert werden soll, zeigt sich alles dem Forschritt der Wissenschaft entgegengesetzt. Die Vorlesungen und Übungen sind so angeordnet, dass Gedanken außerhalb des Gewohnten keinem leicht in den Sinn kommen. Wenn aber der eine oder andere sich die Freiheit des Urteils nimmt, dann ist er ganz auf sich gestellt und hat von seinen Kommilitonen keine Hilfe. wenn er dies aushält, dann wird er in seinem Fleiß und seinem Großmut schwere Behinderungen seines weiteren Schicksals erfahren. Er wird als Aufrührer und als auf Neuigkeiten Versessener verachtet werden.Nun kann es keinen Zweifel an der Richtigkeit von Bacons Urteil zu seiner Zeit geben. Doch gilt dies heute in gleichem Maße? Der Unterricht an den Universitäten heute, am "Ende des Bacon'schen Zeitalters", setzt sich radikal von seinem historischen Vorläufer an der spätmittelalterlichen Universität ab. Heute dominiert in den Naturwissenschaften (noch) der Fortschrittsgedanke und in den Seminaren der Geisteswissenschaften wird in den meisten Fällen rege diskutiert.(N.O. I, Aph. 90)
Dennoch bleibt eine Restunsicherheit: Könnte es nicht sein, dass die Universität als Institution auch heute noch eher den Verwalter-Typus denn den Entdecker-/Revolutionär-Typus schätzt? Sind Professoren doch Lehr-Beamte, also Verwalter der staatlichen anerkannten Meinung und zu deren Erhalt, Pflege und Fortentwicklung eingestellt. Entdecker und Revolutionäre, so wichtig sie für die Entwicklung der Wissenschaften und der Philosophie in der Vergangenheit stets waren, stellen doch in erster Linie eine Bedrohung für das bestehende System, sowohl des abstrakten Wissensgebäudes wie auch der konkreten Person der Kollgen, dar.
Aus diesem Grund sollte sich niemand, der eine neue Sicht der Dinge entwickeln möchte, auf die Universität als sicheres Milieu verlassen. Bleibe unabhängig! In einem normalen Brotberuf wirst du deine Kraft vergeuden, doch dein Geist bleibt ungebeugt. An der Universität droht die Korruption des Geistes aufgrund des (natürlichen und verständlichen) Strebens nach Lob, Anerkennung und Erfolg. Denn der Professor lobt nur den, der nach ihm kommt - in beiderlei Sinn.
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