Der Zeitgeist treibt zuweilen manch seltsame Blüte. Dies ist gewiss keine neue Erkenntnis, neu indes ist, dass nun auch die ehrwürdige Philosophie zum Spielball des gegenwärtigen Bildungsniedergangs zu werden scheint.
So berichtet
SPIEGEL-Online in einem Artikel vom 17. Oktober über "
Gedanken-Wrestling für Spontane": dem Versuch einer Übertragung des Poetry Slam-Formats auf das Gebiet der Philosophie. Auch in der Online-Ausgabe der
Information Philosophie war bereits am 4. September ein ausführlicher Artikel zum Thema erschienen, der auch genaue Terminangaben und Ansprechpartner nannte. (Der Artikel aus der Rubrik "Neuigkeiten" ist in der Online-Ausgabe inzwischen nicht mehr zugreifbar.)
Dem literarischen Vorbild, einer "kneipentauglichen Variante der Literaturlesung", besser übersetzt mit "Literaturbolzen", frei folgend ist ein erst am Abend selbst bekannt gegebenes Thema in einer 45minütigen Vorbereitungszeit zu behandeln und dann später in einem 5-7minütigen Vortrag zu präsentieren. Mit Kreativität und Spontaneität sollen so Ergebnisse spontanen Nachdenkens erzielt werden, gemäß dem Motto: "raus aus dem Elfenbeinturm".
Nun geht die Intention, Philosophie heraus aus dem universitären Elfenbeinturm zu bewegen, sicher nicht fehl. Gerade die fehlende Verankerung der Philosophie in der Gesellschaft trägt einen nicht geringen Teil zu dem inhaltlich schwachen Stand Disziplin dar. Doch ist die Agora tatsächlich der rechte Ort für die Philosophie? Hat Friedrich Nietzsche nicht eher vor den "Fliegen des Marktes" gewarnt?
Sicher ist nichts gegen das öffentliche Vortragen von philosophischen Texten, durchaus populär-philosophischer Natur, einzuwenden. Doch welche Ergebnisse können unter den genannten Bedingungen erreicht werden? Keinesfalls doch sorgfältig erwogene Gedanken, sondern bestenfalls oberflächlich schnell aufpolierte, vielleicht sogar glänzende,
blendende Redebeiträge.
Sowohl die Umstände der Textgenese, als auch Vortragsdauer und Rezeption erscheinen alles andere als geeignet, wirkliche Philosophie zur Geltung zu bringen; bestenfalls können die Beiträge als Splitter eines philosophischen Diskurses gewertet werden. Philophische Gespräche, als wesentliche Diskursbeiträge, wie sie z.B. in den Dialogen Platons vorgeführt werden, bieten die Möglichkeit, eigene und fremde Vorstellungen im wechselseitigen Gespräch kritisch abzuwägen. Ein Kurzmonolog von maximal 7 Minuten Dauer kann so im besten Fall als ein Redebeitrag gewertet werden - doch eine Wechselrede findet ja überhaupt nicht statt.
Es bleibt lediglich die Hoffnung, dass "Philosophy Slams" das allgemeine Interesse an Philosophie, das ja tatsächlich vorhanden ist, weiter schüren. Doch erscheint das Format kaum geeignet, Persönlichkeits- und Geistsbildung zu fördern, sondern vielmehr eine sprachlich-argumentative Gewandheit, die (platonisch gesprochen) eher den Sophisten zukommt; heute würde man von Rechtsanwälten sprechen. Sollte dies der Weg in die Zukunft der Philosophie sein? Es bleibt zu hoffen, dass es da und dort noch Abzweigungen gibt, die
nach oben führen: weg von dem Ansinnen der Menge nach Unterhaltung, hin zu einem intensiveren geistig-philosophischen Leben.
"Philosophy Slams", dieses Urteil sei gestattet, haben mit Philosophie soviel zu tun wie "Indiana Jones" mit Archäologie.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betäubt vom Lärme der grossen Männer und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
(Friedrich Nietzsche,
Also sprach Zarathustra)